Projekt Rudloffstraße

Die Arbeitsergebnisse

Angelina Eger & Martin Bertram



Cagla Gökalp & Janine Woltmann



Sebastian Hotho & Benjamin Tietjen



Aygün Özbek & Rezan Erinc



Florim Avdiji & Jens Lammers



Bremerhaven Mitte - Stadtkante am Kaiserhafen

Für das 23 ha große Gebiet entlang der Rudloffstraße stellt sich die Frage, wie man den anliegenden Hafen aus dem 19 Jahrhundert über das untergenutzte Gewerbegebiet mit dem angrenzenden Stadtteil Mitte-Nord verknüpfen kann. Mit Studenten des 5. Semesters unseres Bachelorstudiengangs Architektur sind wir in einem Semesterprojekt im Austausch mit dem Stadtplanungsamt Bremerhaven dieser Fragestellung nachgegangen.

Die Situation des Quartiers um die Bürgermeister-Smidt-Straße offenbart sich für uns in einem sehr ambivalenten Verhältnis zwischen Bereichen mit urbanen Qualitäten, einer städtischen Mischung aus Gewerbe, Nahversorgung, unterschiedlichen Wohnformen und grünen Parkflächen. Dem gegenüber steht ein nur als Torso erscheinender, also in Teilen entwickelter Städtebau der Nachkriegszeit (WK I) und die wenig ausgeprägten städtischen Brücken zur Nachbarschaft in Richtung Lehe. Aus diesen Stärken und Schwächen erwächst eine enorme Chance für das Viertel, sich aus einer ‚Randlage‘ zu einem zentralen Stadtteil zwischen dem modernen Hochseehafen im Norden und der ‚Stadt am Strom‘ zu entwickeln.

Dabei darf die Sensation Hafen nicht zum folkloristischen Motiv einer exzeptionellen Architektursprache werden, sondern sollte tragender Hintergrund zu einem spannungsgeladenen Hafenleben bleiben. Unter den vielen europäischen Hafenstädten, die derzeit ihr Gesicht gerade in den Bereichen der Hafenbecken aus dem 19. Jahrhundert entscheidend verändern, erschien uns das Projekt „Het Eilandje“ in Antwerpen im besonderen Maße zu einem Vergleich geeignet.

Der dortige Wechsel zwischen den profanen und den hervorragenden Teilen, die Anpassung an den Bestand, der Sinn für eine kleinteilige Struktur und die Entwicklung über lange Zeiträume sind hier die hervorzuhebenden Eigenschaften einer gelungenen Planung.

Neben dem Workshop in Bremerhaven direkt im Quartier – mit anschließender Diskussion der Strategien mit Vertretern des Stadtplanungsamtes und der Stadtteilinitiativen – war somit auch eine Exkursion nach Antwerpen mit einer Führung der dortigen Stadtplanungsabteilung Teil der Vorbereitung für die Erarbeitung unserer Entwürfe.

Über die gemeinsame Recherche hinaus haben wir bestimmte städtebauliche und stadtplanerische Grundprinzipien im Vorlauf definiert, die alle Konzepte mehr oder weniger einigen. Die Fortsetzung einer Blockrandbebauung dient der Klarheit und Übersichtlichkeit des gemeinsamen öffentlichen Raumes und einer damit verbunden Bewahrung des Privaten.

Die dabei ermöglichte individuelle Entwicklung wird unterstützt durch die parzellenweise Ausbildung der Baufelder. Das Potenzial für eine kleinteilige Durchmischung verschiedener Nutzungen und Bewohner, unterschiedliche Haustypologien und die Fähigkeit zu einer Veränderung ohne den Zugriff staatlicher Planung wird damit ermöglicht.

Ausgehend von diesen gemeinsamen Idealen entwickeln die Konzepte verschiedene städtebauliche Formen, mit unterschiedlich dimensionierten Räumen, prononcierenden Plätz, einzelnen Monumenten, verschieden Brücken zur Nachbarschaft und der Integration des Bestandes. Zu allen Plänen gab es den Auftrag, eine phasenweise Entwicklung über längere Zeithorizonte in die Konzepte mit einzubeziehen.

Die Seestadt Bremerhaven ist mit etwa 113.000 Einwohnern die einzige Großstadt Deutschlands an der Nordsee. Nach den Krisenjahren der 90er Jahre befindet sich die Stadt im Aufwind. Durch Maßnahmen in unterschiedlichen Bereichen , Tourismus und Ausbau der Windkraftindustrie, hat die Stadt stark an Attraktivität gewonnen.

Gerade im Bereich des Alten und Neuen Hafens hat sich das Bild der Stadt durch touristische Attraktionen und Wohn- und Bürogebäude in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Die Kanten dieses florierenden Gebietes sind jedoch hart und übergangslos. Die Entwicklungen am Alten und Neuen Hafen haben sich unabhängig von der „Reststadt“ vollzogen, besonders im nördlichen Bereich der „Havenwelten“ fehlt ein Anschluss an die bestehende Stadtstruktur.

Es fehlt ein Übergang von dem populären, mit zeitgenössischer Architektur bebauten Gebiet zu den rückwärtigen Wohnquartieren. Die Wohnquartiere, überwiegend zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden, weisen beeindruckende gestalterische Qualitäten auf. Die Blockrandstruktur dieser Quartiere wirkt mit ihrer Bauhöhe großstädtisch.

Im Bereich nördlich der Lloydstraße hat sich durch die vorgenannten Entwicklungen ein Gebiet entlang der Rudloffstraße entwickelt, das mit Gewerbebauten und Brachflächen eine regelrechte Grenze zwischen dem Neubaugebiet am Neuen Hafen und der gründerzeitlichen Bebauung entlang der nördlichen Bürgermeister-Smidt-Straße darstellt.

Der Übergang ist unwirtlich und in den Köpfen der Bremerhavener nahezu nicht existent. Die zwei Gebiete werden aufgrund des fehlenden Übergangs als autark wahrgenommen. Mit der absehbaren Fertigstellung aller Neubauten am Neuen Hafen drängen neue Nutzungen in den Bereich entlang der Rudloffstraße. Derzeit werden lediglich Bedarfe erfüllt. Eine geordnete städtebauliche Entwicklung innerhalb dieses innerstädtischen Gebietes ist aktuell nicht ablesbar.

Durch die bauliche Entwicklung im Bereich des Neuen Hafens ist das Gebiet um die Rudloffstraße in den aktuellen städtbaulichen Fokus gerückt. Es besteht Interesse an der städtebaulichen Entwicklung des Areals. Hierbei soll eine kurzfristige Vergabe der freien Brachen und bebauten Grundstücke an Interessenten vermieden werden. Eine städtbauliche Gesamtlösung für das Gebiet ist gefordert!

Die städtebauliche Idee für das Areal an der Rudloffstraße muss langfristig betrachtet werden und kann nur in Schritten realisiert werden. Hierbei geht es um eine langfristige Vision, die in ihrer Substanz keinen Schaden nimmt, falls Teilbereiche nicht exakt oder eventuell überhaupt nicht umgesetzt werden können.

Durch die vorhandenen, stark zergliederten Eigentumsverhältnisse, teilweise städtischer Grundbesitz, teilweise Privatbesitz, muss eine städtebauliche Idee ausreichend Stärke und Tragkraft besitzen, um alle anliegenden Eigentümer für eine Umsetzung der Vision zu motivieren und diese mit zu tragen.

Bei einer städtebaulichen Bearbeitung des Areals kann der Bertrachtungsrahmen auch weiter ausgedehnt werden. Ratsam ist hierbei wahrscheinlich die Betrachtung eines Areals, das westlich am Weserdeich beginnt und sich bis zur Pestalozzistraße im Osten ausdehnt. Nördlich wird das Gebiet deutlich durch das Hafengebiet definiert. Südlich der Rudloffstraße erscheint eine Einbeziehung bis zur Lloydstraße sinnvoll.

Das Stadtplanungsamt Bremerhaven hat der School of Architecture der Hochschule Bremen vorgeschlagen, sich des Themas „Städtbauliche Entwicklung Rudloffstraße“ anzunehmen. Der Städtebauprofessor, Klaus Schäfer, hat entschieden, im Wintersemester 2013/ 14 mit seinen Studenten des 5. Semesters des Bachelorstudiengangs Architektur die städtebauliche Aufgabe zu bearbeiten.

Als Einführung in die Aufgabe und um den zu bearbeitenden Ort und die Seestadt Bremerhaven kennenzulernen, wurde das Semester mit einem Workshop in Bremerhaven begonnen. Der Workshop der School of Architecture Bremen fand im Zeitraum vom 14.10. bis 18.10.2013 in Bremerhaven statt. Unter Leitung von Prof. Klaus Schäfer arbeiteten 20 Studenten der Hochschule Bremen des 5. Semesters im Bachelorstudiengang Architektur im Pavillon des Familienzentrums am Martin-Donandt-Platz.

Der Workshop startete mit einem Rundgang durch das Projektgebiet. An dem Rundgang nahmen neben der Studentengruppe aus Bremen und dem Stadtplanungsamt Bremerhaven auch Herr Rillke (Quartiersmanager Alte Bürger) Herr Pautzke (BiS) und Herr Dr. Kähler (Historiker) teil.

Während des Rundgangs hatten die Studenten die Möglichkeit, den Ort erstmalig zu erkunden. Herr Pautzke hielt im Laufe des Rundgangs einen Vortrag im Gebäude des t.i.m.e.-Port II über die aktuellen Entwicklungen am Neuen Hafen und bereits vorliegende, städtebauliche Ideen zu dem Planungsgebiet.

Im Anschluss an den Rundgang konnten die Studenten den übrigen Teilnehmern weitere Fragen zu dem Planungsgebiet und den Vorstellungen der Seestadt Bremerhaven für dieses Areal stellen. In den folgenden Tagen arbeitete die Studentengruppe an ersten Ideenskizzen für das Areal.

Am Freitag, dem 18.10.2013 fand in den Arbeitsräumen, dem Familienzentrum am Martin-Donandt-Platz, eine öffentliche Präsentation der Workshop-Ergebnisse statt. Hier konnten die Studenten den Zuschauern ihre ersten städtebaulichen Ideen vorstellen und Reaktionen und Rückmeldungen zu den Entwürfen einholen.

Im Anschluss an den Workshop wurde im Wintersemester 2013/ 14 an den Entwürfen gearbeitet, die erstmalig am 19.02.2014 in einer öffentlichen Ausstellung gezeigt wurden und nun hier präsentiert werden.



Über das Projekt Rudloffstraße

Dipl.-Ing. Norbert Friedrich
Stadtplanungsamt Bremerhaven

Bremerhaven erlebt seit zwei Jahrzehnten eine Entwicklung, die viele Hafenstädte weltweit bereits durchlaufen haben. Nachdem durch den Strukturwandel ausgelöst die industrielle Nutzung der Hafengebiete massiv zurückgegangen ist, werden diese Flächen jetzt von Nutzungen wie Tourismus und Wohnen entdeckt und zunehmend stärker nachgefragt. Beispiele dafür finden sich in Marseille, Genua, Kopenhagen oder in Hamburg mit dem Supraprojekt Hafen-City.

Damit diese neuen Quartiere nicht als Fremdkörper in der Stadt wahrgenommen werden, ist eine städtebauliche Einbindung und somit eine Gesamtbetrachtung des Areals notwendig. Wir freuen uns deshalb, dass sich die Studenten der School of Architecture Bremen des Themas angenommen haben.

Die Ergebnisse der sehr interessanten Arbeiten, die insgesamt unter dem Leitbild der (in Europa bewährten) Blockrandbebauung entstanden sind, wurden in Bremerhaven kontrovers diskutiert worden. Dies ist für uns ein erfreuliches Ergebnis!

Diskussionsbeiträge zu erzeugen für komplexe städtebauliche Aufgabenstellungen ist eine Aufgabe, die das Stadtplanungsamt seit rund 5 Jahren über die Marke Stadt.Umbau.Labor realisiert. Hier ist man sozusagen frei im Umgang mit „lokalen Umständen“.

Die von den Studentinnen und Studenten mit viel Engagement erarbeiteten Entwürfe sind deshalb Teil des Stadt.Umbau.Labors.Bremerhaven 2013/2014 geworden. Die Zusammenarbeit mit Hochschulen bringt oft vielfältige, kreative Ergebnisse hervor, von denen die Stadt profitiert. Im Gegenzug erfahren die Studenten mehr über stadtpolitische Herausforderungen, vor denen Planer heute stehen.

Die Veröffentlichung der Arbeitsergebnisse in dieser Broschüre eröffnet die Möglichkeit, die Diskussion über diesen städtebaulichen Ansatz zu vertiefen und über alternative Ansätze nachzudenken. Ich wünsche Ihnen eine angenehme und anregende Lektüre.